Anna Lisei Math: Die Künstlerin und ihr Werk kennenlernen
Ein Wald kann zum Muster werden, eine Welle zum wiederkehrenden Zeichen. In der Malerei von Anna Lisei Math verbinden sich Naturmotive mit Fragen nach Ordnung, Wiederholung und Wahrnehmung. Ihre Bilder laden dazu ein, zunächst die gesamte Fläche zu betrachten und anschließend einzelne Formen zu entdecken. Wer die bildende Künstlerin kennenlernen möchte, findet in ihrer Ausbildung, veröffentlichten Werken und dokumentierten Ausstellungen konkrete Anhaltspunkte.
Von Borken an die Kunstakademie Münster
Anna Lisei Math wurde 1990 in Borken geboren. Ab 2011 studierte sie an der Kunstakademie Münster in der Klasse von Professor Michael van Ofen. Seit 2018 war sie Meisterschülerin; ihren Akademiebrief erhielt sie im Dezember 2020. Der Ausstellungskatalog zum Kunstpreis des Landtags Nordrhein-Westfalen verzeichnet außerdem ein Meisterschülerinnenjahr 2021/2022.
In ihrer veröffentlichten Vita nennt Math Münster als Lebens- und Arbeitsort. Ihre Ausbildung und zahlreiche Ausstellungsstationen verbinden sie mit der Kunstszene des Münsterlands. Dazu kommen Präsentationen außerhalb der Region, etwa die 2025 in Köln gezeigte Ausstellung „Echolot“ gemeinsam mit Soojie Kang.
Naturmotive, Muster und offene Bildräume
Wiederkehrende Strukturen bilden einen wichtigen Zugang zu Maths Arbeit. Bäume, Wellen und pflanzliche Formen können die Bildfläche rhythmisch gliedern. Dabei lohnt sich die Aufmerksamkeit für Unterschiede innerhalb der Wiederholung: Wie verändert sich eine Form? Wo entsteht eine Unterbrechung? Welche Bereiche ziehen den Blick an?
Die Kunsthalle Münster beschrieb ihre Arbeiten zur Förderpreisausstellung 2022 als Auseinandersetzung mit Begrenzung und Weite sowie mit Ödheit und Erwartung. Der Emsdettener Kunstverein hob 2025 ebenfalls das Zusammenspiel von Ordnung und lebendigen Einzelelementen hervor.
Aus diesen Beschreibungen lässt sich ein hilfreicher Einstieg ableiten: Maths Bilder lassen sich sowohl als zusammenhängende Muster als auch über ihre einzelnen Bestandteile erschließen. Beide Betrachtungsweisen können unterschiedliche Eindrücke hervorrufen.
Veröffentlichte Werke als Einstieg
„how I dreamt of Sweden“, 2021
Das Ölgemälde auf Leinwand misst 155 × 120 Zentimeter. Im Katalog zum Kunstpreis des Landtags Nordrhein-Westfalen 2022 erläutert Math selbst den Zusammenhang zwischen der stilisierten Landschaft und den Überschwemmungen im Juli 2021.
Wald- und Wasserstrukturen erscheinen künstlich geordnet. Die Künstlerin verbindet diese Darstellung mit Fragen des Klima- und Strukturwandels. Das vermeintliche Landschaftsidyll erhält dadurch etwas Befremdliches.
Besonders aufschlussreich ist die Wiederholung von Bäumen und Wellen. Sie ermöglicht den Wechsel zwischen dem Eindruck einer großen, geschlossenen Fläche und der Betrachtung einzelner Motive. An diesem Werk wird greifbar, wie eng Bildaufbau und inhaltliche Fragestellung miteinander verbunden sein können.
„curls“, 2022
Das Werkverzeichnis der Förderpreisausstellung in der Kunsthalle Münster führt „curls“ als Arbeit mit Öl und Acryl auf Leinwand auf. Dort waren außerdem „field I“ von 2021 und „field III“ von 2022 als Ölgemälde dokumentiert.
Bemerkenswert sind auch zwei dort verzeichnete Arbeiten ohne Titel von 2021: Beide entstanden mit Öl auf Servietten. Diese Werkangaben zeigen, dass Math unterschiedliche Bildträger verwendet. Für die Betrachtung eröffnet das eine zusätzliche Frage: Welche Rolle spielt der Untergrund für das jeweilige Bild?
„Gespenster“, 2024
In ihrer eigenen Werkübersicht veröffentlicht Anna Lisei Math „Gespenster“ mit den Angaben Softpastell auf ungrundierter Baumwolle, 98 × 80 Zentimeter. Auch weitere dort vorgestellte Arbeiten verwenden Pastell, teilweise zusammen mit Pigment oder Farbstift.
Damit erweitert sich der Blick auf ihr künstlerisches Profil um die Materialwahl. Bei einem Ausstellungsbesuch lohnt es sich, neben Motiven und Farben auch die Oberfläche und das sichtbare Gewebe zu beachten. Eine digitale Abbildung kann diesen Eindruck nur teilweise vermitteln.
Dokumentierte Ausstellungsbezüge in der Region
Mehrere Stationen machen Maths Verbindung zum Münsterland und zum Ruhrgebiet nachvollziehbar:
- Kunstverein Gelsenkirchen, 2020: Das Ausstellungsarchiv nennt sie als Teilnehmerin von „Einmal mit Alles“. Die Gruppenausstellung präsentierte Arbeiten aus der Klasse von Professor Michael van Ofen in der Alten Villa des Kunstmuseums Gelsenkirchen.
- Kunstsommer Westmünsterland, 2022: Math erhielt gemeinsam mit Lara Kaiser und Malte van de Water ein Stipendium. Das Jahrbuch der Kunstakademie Münster dokumentiert eine Förderung von Juli bis September und begleitende Ausstellungen in den Kompetenz-Centern der damaligen VR-Bank Westmünsterland.
- Emsdettener Kunstverein, 2025: Vom 16. März bis zum 13. April zeigte die Ausstellung „Nachtteppich“ neue Arbeiten der Künstlerin in der Galerie Münsterland.
Diese Stationen zeigen unterschiedliche Formen der öffentlichen Präsentation: die gemeinsame Ausstellung einer Akademieklasse, ein Förderprogramm mit Ausstellungen und eine auf Maths Arbeit konzentrierte Schau.
Den eigenen Blick entwickeln
Für eine erste Begegnung mit Maths Bildern ist ein Wechsel der Entfernung hilfreich. Aus einigen Schritten Abstand lässt sich die Verteilung der Formen erfassen. Näher am Werk werden Unterschiede, Übergänge und Materialeigenschaften deutlicher.
Anschließend können Titel und Werkangaben die Betrachtung erweitern. Bei „how I dreamt of Sweden“ liefert die veröffentlichte Erläuterung einen konkreten zeitgeschichtlichen Bezug. Bei anderen Arbeiten bleibt mehr Raum für eigene Assoziationen. So entsteht ein Zugang, der genaue Beobachtung mit dem Wissen über einzelne Werke verbindet.